Kinästhetik ist die Lehre von der Bewegungswahrnehmung. Sie zeigt, wie sich die Art, Gewicht zu bewegen, auf die Gesundheit auswirkt – sowohl bei Pflegenden als auch bei Menschen mit eingeschränkter Mobilität. Ziel ist es, Bewegungsabläufe bewusst zu gestalten und vorhandene Ressourcen optimal zu nutzen. Im pflegerischen Alltag bedeutet das einen Perspektivwechsel: weg vom Heben, hin zum Bewegen. Kinästhetik vermittelt ein pädagogisches Konzept, das Pflege- und Betreuungspersonal befähigt, Bewegungen gezielt zu steuern und den eigenen Körper effizient einzusetzen. Dadurch können körperliche Belastungen reduziert und gleichzeitig die Selbstständigkeit der Bewohner:innen gefördert werden.
Auch Menschen mit eingeschränktem Bewegungsapparat profitieren von diesem Ansatz. Sie sind häufig auf Hilfsmittel angewiesen oder bettlägerig. Durch einfache Techniken können sie Bewegungsabläufe wieder aktiver mitgestalten und mehr Selbstwirksamkeit erfahren. Gleichzeitig unterstützt Kinästhetik Pflegepersonen dabei, Bewegungsunterstützung individuell anzupassen.
Ein zentrales Element ist die gezielte Schulung der Mitarbeiter:innen. Im Pflegekrankenhaus Seeböckgasse umfasst das Ausbildungsangebot einen Grundkurs, Aufbaukurse und Praxisbegleitungen. Ergänzend werden Themenworkshops angeboten. Auch digitale Formate wie kurze Videoeinheiten dienen dazu, Bewegungstipps im Arbeitsalltag zu vermitteln.
Bei HABIT – Haus der Barmherzigkeit Inklusionsteam sind Grundkurse und Praxisbegleitungen fester Bestandteil der Ausbildung. Mitarbeiter:innen wirken als Multiplikator:innen in ihren Einrichtungen und geben ihr Wissen weiter. Die Teilnahme wird durch ein europaweit gültiges Zertifikat bestätigt. Laut Fachberatung stärkt dieses Konzept die Zusammenarbeit und Vernetzung innerhalb der Standorte.
Darüber hinaus spielt Kinästhetik eine wichtige Rolle in der Kommunikation mit Kund:innen. Körperhaltung, Muskelspannung oder Atmung geben Hinweise auf Wohlbefinden oder Unbehagen. Diese Signale zu erkennen und darauf zu reagieren, ist Teil der Schulungen. Ziel ist es, Bewegungsabläufe gemeinsam zu gestalten und die Interaktion zwischen Mitarbeiter:innen und Kund:innen zu verbessern.
Auch die Pflegeeinrichtungen des HB Niederösterreich haben eine gelebte Kinästhetik-Praxis. So finden beispielsweise im Urbanusheim regelmäßig Schulungen und Fortbildungen statt und es gibt im Anschluss an Teamsitzungen Kinästhetik-Inputs und -Schulungsmodule durch Fachexpert:innen.
„Ich bin unseren Führungskräften sehr dankbar, dass dieses Konzept so gefördert wird. Gut berührt und in hoher Qualität bewegt zu werden, ist ein Menschenrecht. Kinästhetik bietet uns das Wissen, wie zu berühren und wie in hoher Qualität zu bewegen ist. Das ist Pflege- und Betreuungsqualität vom Feinsten. Das hat man bei uns schon vor langer Zeit erkannt“, freut sich die Kinästhetik-Fachberaterin Antonia Mattersberger.